15.04.20

Segnung

Johanneskirchengemeinde Esslingen erhält Erlaubnis zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare.

© U. Rapp-Hirrlinger

Andreas Schrempf (l.) und Pfarrer Christof Hermann vor dem Altar der Johanneskirche

Der Weg vor den Traualtar ist für alle frei: Als eine der ersten Kirchengemeinden in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und als erste im Evangelischen Kirchenbezirk Esslingen hat die Johanneskirchengemeinde in Esslingen die Erlaubnis erhalten, im öffentlichen Gottesdienst gleichgeschlechtliche Paare zu segnen. Dazu musste die Gemeinde einen längeren Prozess durchlaufen, erklärt Pfarrer Christof Hermann.

Einstimmig habe der Kirchengemeinderat entschieden, allen Paaren den Weg vor den Traualtar zu ermöglichen, freut sich Kirchengemeinderat Andreas Schrempf. Latent sei das in der Kirchengemeinde schon länger Thema gewesen, berichten die beiden. Immer wieder hätten sie erfahren, dass sich Homosexuelle von der Kirche abgelehnt fühlten. „Nie wollte ich an irgendeiner Ausgrenzung von Homosexuellen beteiligt sein“, beschreibt Hermann sein Dilemma, dass er gleichgeschlechtlichen Paaren bisher die öffentliche Segnung im Gottesdienst verweigern musste. Schrempf, der selbst homosexuell ist, hat im Freundeskreis erlebt, dass Menschen wegen dieser Haltung aus der Kirche ausgetreten sind. „Deshalb war es uns wichtig, dies zu ermöglichen“, so Schrempf.

Doch erst ein entsprechender Beschluss der Landessynode machte den Weg frei. Er erlaubt nun in bis zu einem Viertel der evangelischen Kirchengemeinden in Württemberg die Einführung von Gottesdiensten zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Voraussetzung ist, dass drei Viertel der Mitglieder des Kirchengemeinderats und drei Viertel der Pfarrer zustimmen. Eine hohe Hürde, meinen Hermann und Schrempf. „Doch die Kirchenleitung muss die heterogene Landeskirche zusammenhalten“, zeigen sie auch Verständnis. Andere Landeskirchen hatten den Weg früher beschritten. „Als sich in der württembergischen Landeskirche diese Möglichkeit bot, haben wir sofort zugegriffen“, so Hermann. Ein kleines Team, dem neben Hermann und Schrempf auch Kirchengemeinderätin Verena Eberhardt angehörte, bereitete den Antrag an die Landeskirche vor. Ein erster Schritt war, der Initiative Regenbogen beizutreten, einem Zusammenschluss von Kirchengemeinden, die lesbische und schwule Gemeindeglieder explizit willkommen heißen.

Pfarrer und Kirchengemeinderat haben in der Johanneskirchengemeinde intensiv für ihr Anliegen geworben und in mehreren Veranstaltungen die Gemeinde informiert. „Wir wollten auf keinen Fall jemanden kränken oder abstoßen“, versichert Hermann. Besonders eindrücklich hat er den Info-Nachmittag im Seniorenclub in Erinnerung: Dort habe eine sehr wohlwollende Stimmung geherrscht. Eine 90-jährige, laut Hermann „sehr fromme und konservative“ Dame, habe ihm im Vorfeld versichert, dass sie voll und ganz hinter dem Anliegen stehe. „Das hat uns viel Mut gemacht.“ Auch bei den Sitzungen im Kirchengemeinderat, der das Thema mehrfach behandelte, habe es keinerlei negative Stimmen gegeben. „Ich war freudig überrascht, dass alle so einmütig dahinter stehen“, ergänzt Schrempf.

Seit einigen Wochen hat es die Gemeinde vom Evangelischen Oberkirchenrat schwarz auf weiß, dass bei ihr Gottesdienste anlässlich der bürgerlichen Eheschließung oder Eintragung einer Lebenspartnerschaft zweier Personen gleichen Geschlechts erlaubt sind.

Während die Gottesdienste bei heterosexuellen Paaren Trauung heißen, spricht man bei gleichgeschlechtlichen Paaren von Segnung. Hermann hat allerdings keine großen Abweichungen in der Liturgie festgestellt. Gefühlsmäßig habe „Trauung“ jedoch höheres Gewicht. Er jedenfalls werde keine Unterschiede machen. „Ich hoffe, dass die Landeskirche einen Weg findet, damit aus der Segnung eine Trauung wird“, sagt Schrempf.
Kirchenrat Dr. Frank Zeeb, im Oberkirchenrat zuständig für diese Thematik, erklärt: „Im Grunde heißt es weder Segnung noch Trauung.“ Vielmehr handle es sich bei der Trauung um einen „Gottesdienst anlässlich der bürgerlichen Eheschließung eines Mannes und einer Frau, in dem die neue Lebenssituation unter Gottes Wort bedacht wird, die Eheleute sich zueinander und zu Gottes Wort verpflichten und für ihren neuen Lebensweg gesegnet werden.“ Der aus Gründen der Differenzierung von manchen Landeskirchen verwendete Begriff Segnung sei letzten Endes sinnfrei, weil die Segnung des Paares im Gottesdienst ein Element, aber eben nicht das einzige sei. „Der theologische Unterschied besteht darin, dass in der Liturgie nicht, wie bei Trauungen in Württemberg üblich, der Ehebund gesegnet wird, sondern die Menschen“, so Zeeb.

An die Johanneskirchengemeinde dürfen sich auch gleichgeschlechtliche Paare aus anderen Gemeinden wenden, wenn diese keine entsprechende Segnung ermöglichen. „Am besten melden sie sich aber bei ihrem Ortspfarrer“, sagt Hermann. Seine Kolleginnen und Kollegen im Kirchenbezirk hätten keine Vorbehalte: „Alle sehen es sehr wohlwollend.“

Schrempf selbst, der seit 23 Jahren mit seinem Partner zusammenlebt und inzwischen auch bürgerlich verheiratet ist, wird die neue Möglichkeit nicht wahrnehmen. Man habe sich in der Familie vor Jahren in einer schönen Zeremonie „getraut“. Jetzt nachträglich noch etwas zu machen, komme ihm nicht passend vor. Ein anderes Paar, das sich bei Pfarrer Hermann gemeldet hatte, musste seine Hochzeit wegen der Corona-Epidemie vorerst absagen.