08.10.20

Plochingen

Christel Raisch mit der Brenzmedaille der Evangelischen Landeskirche ausgezeichnet.

© U. Rapp-Hirrlinger

Christel Raisch

Die Liste der Ehrenämter, die Christel Raisch in den vergangenen Jahrzehnten ausgefüllt hat, ist atemberaubend lang. Vor allem in der Evangelischen Kirchengemeinde Plochingen hat sie viele Spuren hinterlassen. Dafür wird die 74-Jährige jetzt mit der bronzenen Brenzmedaille der Evangelischen Landeskirche in Württemberg ausgezeichnet. Für ihr Engagement in der Diakonie erhält sie das Kronenkreuz.

Der Grund für ihr ehrenamtliches Engagement sei in ihrem christlichen Elternhaus gelegt worden, erzählt die Plochingerin. So wurde die evangelische Kirche früh eine Heimat für sie. Kinderkirche, Mädchenjungschar und Mädchenkreis waren die Stationen. Über Gott und die Welt habe man damals gesprochen, sagt Raisch. Aber auch ganz praktisches Christsein wurde eingeübt. Mit der Organistin sangen die Mädchen regelmäßig im Krankenhaus oder besuchten in der Adventszeit alte Menschen. „Ich habe damals erlebt, wie viel Freude man den Menschen mit kleinen Aufmerksamkeiten machen kann.“ Überhaupt das Singen: 50 Jahre lang sang Christel Raisch mit großer Begeisterung im Kirchenchor und gab dieses Hobby nur schweren Herzens nach einer Operation auf. Die Musik führte sie auch mit ihrem Mann Wolfgang zusammen, der bis heute im Posaunenchor spielt und der sie in all den Jahren tatkräftig in ihren Ehrenämtern unterstützte.

Ein Sohn und eine Tochter wurden geboren, außerdem arbeitete Christel Raisch in der elterlichen Bäckerei mit. Doch sie spürte, „dass ich außer Familie und Arbeit den Austausch mit Frauen meines Alters brauchte. Gemeinsam mit anderen Frauen gründete sie 1976 den Frauenkreis, dem sie bis heute angehört. Tagsüber waren Aktivitäten mit den kleinen Kindern angesagt, abends trafen sich die Frauen zum Austausch über Themen, die sie beschäftigten. Sie brachten sich in der Kirchengemeinde ein, organisierten über viele Jahre das Gemeindefest, wirkten am Weltgebetstag mit und waren sich auch nicht zu schade, beim Großputz mit anzupacken. Über all diese Aktivitäten seien sie sehr zusammengewachsen, sagt Raisch. Vor 26 Jahren gründeten sie zudem das Café Hermännle. Einst ins Leben gerufen, um den Umbau des evangelischen Gemeindehauses zu unterstützen, wurde es zu einer Institution in Plochingen, wo sie Menschen trafen, um in gemütlicher Atmosphäre einmal in der Woche selbstgebackene Kuchen zu genießen. Jüngst haben sich die Frauen vom „Hermännle“ verabschiedet, denn der Kreis sei immer kleiner geworden, sagt Raisch.

Als die Kinder größer waren, engagierte sich Christel Raisch über viele Jahre in der Sprachhilfe und der Kernzeitenbetreuung. Dabei habe sie viel über andere Kulturen gelernt, erzählt sie. Der Blick über den Tellerrand war ihr immer wichtig. Eine Erweiterung des Horizonts habe ihr auch das Engagement in der ökumenischen Erwachsenenbildung beschert.

Und sie wollte nicht nur mitarbeiten, sondern auch an Weichenstellungen beteiligt sein. Mehr als drei Jahrzehnte saß Raisch im Kirchengemeinderat als eine der ersten Frauen im Gremium, erinnert Pfarrer Gottfried Hengel. Raisch war unter anderem Diakoniebeauftragte in Plochingen. „Wichtig war ihr immer ein gutes Miteinander in der Gemeinde und die Integration der verschiedenen Gemeindeteile“, so Hengel. Weil ihre Tochter sich gerne für den Kirchengemeinderat aufstellen lassen und weil sie selbst der nachfolgenden Generation Platz machen wollte, kandidierte Christel Raisch bei der letzten Kirchenwahl nicht mehr.

Erst jüngst verabschiedet wurde sie auch aus einem weiteren langjährigen Ehrenamt, zudem sie ganz zufällig kam. Als Menschen gesucht wurden, um eine ehrenamtliche Begleitung im neu zu eröffnenden Johanniterstift aufzubauen, sagte Christel Raisch zu. „Ich dachte, ich schaue mir das mal an und schwuppdiwupp war ich dabei“, erzählt sie schmunzelnd. Die Arbeit im Heim wurde ihr zu einer besonderen Herzensangelegenheit. Sie arbeitete im Besuchsdienst mit und ab 2002 übernahm sie die  Koordination der bis zu 70 Ehrenamtlichen, war Ansprechpartnerin für die Heimleitung und die Kirchengemeinde. Ein ökumenischer Arbeitskreis wurde gegründet, „um in einem Haus der Diakonie dem christlichen Glauben Rechnung zu tragen.“ Im Beirat engagierte sie sich für die Belange der Bewohnerinnen und Bewohner. Inzwischen haben Hauptamtliche all diese Aufgaben übernommen. „Besuche werde ich aber weiterhin machen“, versichert Raisch. Und ab und zu setzt sie sich im Johanniterstift ans Klavier und spielt eine kleine Abendmusik.

Christel Raisch hat sich nie als Einzelkämpferin verstanden, vielmehr war ihr daran gelegen, andere Menschen fürs Ehrenamt zu gewinnen. „Man kann viele tolle Ideen haben, aber wenn man keine Mitstreiter hat, steht man auf verlorenem Posten“, ist sie überzeugt.

Christel Raisch blickt zufrieden auf ein Leben, das vom Ehrenamt geprägt ist. „Man bekommt sehr viel zurück, wenn man sich für Menschen engagiert. Oft spüre ich, dass eigentlich ich die Beschenkte bin.“

Pfarrer Hengel würdigt Christel Raisch als eine „außerordentlich engagierte Mitarbeiterin,  die sehr viel bewegt hat.“ Sie habe die Plochinger Kirchengemeinde nachhaltig geprägt und stets ein offenes Ohr für die Anliegen der Gemeinde gehabt.