29.01.21

Vesperkirche

Essen „to go“ statt „Gemeinsam an einem Tisch“: 12. Vesperkirche in anderer Form

© U. Rapp-Hirrlinger

Bernd Schwemm (l.) und Dekan Bernd Weißenborn vor dem Gemeindehaus am Blarerplatz

„Gemeinsam an einem Tisch“, das wird es bei der Esslinger Vesperkirche in diesem Jahr nicht geben. Um Bedürftigen trotzdem eine kostengünstige, warme Mahlzeit zu ermöglichen, werden zwischen dem 28. Februar und dem 14. März vor dem Evangelischen Gemeindehaus am Blarerplatz Tüten mit Essen verteilt.

„Wir wollten anders als im vergangenen Jahr die Vesperkirche auf keinen Fall ausfallen lassen“, betont Dekan Bernd Weißenborn. Denn dass die Vesperkirche gefehlt hat, sei an vielen Stellen zu hören gewesen. Lange habe man auf eine Entspannung der Corona-Lage gehofft, um ein – wenn auch abgespecktes – Begegnungsprojekt auf die Beine stellen zu können. Man habe deshalb geraume Zeit zweigleisig geplant und dabei neben einer reduzierten Anzahl an Plätzen und deren Belegung in zwei Schichten immer auch ein Essen zum Mitnehmen erwogen, sagt Weißenborn. Als Ort war frühzeitig das Blarer-Gemeindehaus statt wie üblich die Frauenkirche vorgesehen.

Inzwischen ist jedoch klar, dass es ein gemeinsames Essen an Tischen gemäß dem Motto der Vesperkirche nicht geben kann. Mit den Erfahrungen des vergangenen Jahres im Rücken wagt man sich in diesem Jahr dennoch an eine Vesperkirche, wenn auch in anderer Form. Denn die Verantwortlichen in Kirche und Diakonie wissen, dass die Pandemie vor allem Menschen, die ohnehin schon zu kämpfen haben, um über die Runden zu kommen, hart trifft. „Besonders schwierig ist die derzeitige Situation auch für Menschen ohne Obdach, weil Tagesstätten und Treffs oft geschlossen sind“, erklärt Eberhard Haußmann, der Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands im Landkreis Esslingen, der gemeinsam mit der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde und in Kooperation unter anderem mit der Katholischen Gesamtkirchengemeinde, der Evangelisch-methodistischen Kirche und der Caritas Region Fils-Neckar-Alb die Vesperkirche auf die Beine stellt.

Man wisse wohl, dass die jetzt gefundene Lösung nicht optimal sei, so Weißenborn. Vor allem, weil der wichtige Aspekt der Begegnung von Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen wegfällt. Doch man wolle wenigstens denjenigen eine Mahlzeit anbieten, die diese dringend brauchen. Deshalb richte sich das Angebot in diesem Jahr nur an Bedürftige.

Zwischen 12 und 14 Uhr werden Mitarbeitende des Organisations- und Leitungsteams der Vesperkirche vor dem Gemeindehaus Tüten mit Essen abgeben. In „normalen“ Vesperkirchenzeiten werden täglich 500 Essen serviert. In diesem Jahr liefert der Menüdienst des Esslinger Sozialdienstes täglich 100 eingeschweißte heiße Mahlzeiten an. Reicht dies nicht, kann der Vesperkirchenleiter, Diakon Bernd Schwemm, weitere 50 Portionen nachbestellen, die dann kalt abgegeben werden und selbst erwärmt werden müssen. Dazu gibt es einen Nachtisch, etwa ein Stück Obst. Das Essen wird für 1,50 Euro abgegeben, eine Tüte hat jedoch einen Wert von acht Euro. Ordner sorgen vor dem Gemeindehaus für die Einhaltung der Hygieneschutzmaßnahmen wie den nötigen Abstand. Man sei dafür in engem Kontakt mit dem Ordnungsamt der Stadt, so Schwemm. Er hofft, dass die Gäste Verständnis für die Einschränkungen haben, die unter anderem auch vorsehen, dass man sich zum Verzehr der Mahlzeiten nicht auf den Bänken auf dem Blarerplatz niederlassen darf. In allen Anlaufstellen für Bedürftige wird über das Vesperkirchen-Angebot informiert. Dazu werden rund 500 Flyer gedruckt.

Weil viele Kosten, die in der Frauenkirche üblicherweise zu Buche schlagen, mit der abgespeckten Version entfallen, wird die diesjährige Vesperkirche für die Träger wesentlich günstiger. Statt rund 100 000 Euro an Kosten rechnet Weißenborn mit nur gut 10 000 Euro. Dennoch hoffen die Veranstalter auf Spenden. Denn auch Benefizveranstaltungen können nicht stattfinden. Die rund 600 Ehrenamtlichen, die sich sonst in der Vesperkirche engagieren, hätten viel Verständnis gezeigt, dass sie in diesem Jahr nicht eingesetzt würden, berichtet Schwemm. Viele gehörten zudem zu den Risikogruppen.

Gottesdienste und Seelsorge vor Ort, Kulturprogramm oder Beratungsangebote – all dies wird es bei der Vesperkirche in diesem Jahr nicht geben. „Bei Bedarf werde ich aber selbstverständlich für seelsorgerliche Fragen zur Verfügung stehen oder an andere Hilfsangebote vermitteln“, betont Schwemm. Und am 28. Februar und am 14. März werde die Vesperkirche Thema in den Gottesdiensten in der Stadtkirche sein, sagt Weißenborn. Für ihn soll dieses eingeschränkte Angebot auch ein Signal sein, dass man Menschen in Not nicht aus dem Blick verloren habe.

Spendenkonto:
Evangelische Gesamtkirchengemeinde Esslingen
IBAN: DE24 6115 0020 0000 9025 79
Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen
Verwendungszweck: Vesperkirche
www.vesperkirchen-landkreis-esslingen.de